Getreidepreise: verzögerter Saisonstart von (ganz) unten?
Im Gegensatz zum vergangenen Jahr scheint sich die Erzeugerpreisentwicklung genau entgegengesetzt zu verhalten. Trotz ziemlich knapper Anschlussversorgung mit Ware aus alter Ernte regen hohe Ernteerwartungen die Preisphantasien am unteren Ende der Skala an. Sie werden durch die bisherigen Markt- und Wetterentwicklungen vorerst nicht grundsätzlich gestört, wenngleich auch einige gravierende Wolken am Himmel zu sehen sind.
Die bisherigen Preisangaben sind nur punktuell und wenig repräsentativ, weil häufig weder Qualität, noch Region, noch sonstige preisbestimmende Vermarktungsbedingungen präzisiert werden. Die Spannbreite der genannten Preise für neue Gerste reicht von 14 bis knapp unter 18,50 €/dt. Für Roggen wird noch tiefer gestapelt. In Brandenburg kursieren Roggenpreise unterhalb von 13 €/dt. Ein Fall für die Bioethanol- bzw. Biogasanlagen! Weizenpreise sind noch unklar, an den Börsen herrscht jedoch Widerstandskraft bei Kursen oberhalb der 190 €/t Marke ausgelöst durch eine stramme Widerstandslinie an der Chicagoer Börse auch für die Herbst- und Wintertermine, die ab kommenden Montag getestet werden wird.
Mit zunehmend höheren Temperaturen und relativen Standwetter beschleunigt sich die Kornabreife, die für die Wintergerste überwiegend zum richtigen Zeitpunkt kommt, für den Weizen aber in der Kornfüllungsphase erhebliche dt/ha kosten wird. Je schneller die Ernte in Gang kommt und direkt nacheinander folgt, umso mehr wird ein typischer Erntepreisdruck aufgebaut, der im vergangenen Jahr überhaupt nicht zu spüren war. (=> Umstellung von Ver- und Einkaufsstrategien ?!)
Wenn man den Getreidemarkt aus einer globalen Versorgungslage der bisherigen Schätzungsergebnisse betrachtet, kommen neben einigen Bestätigungen auch Zweifel an der bisher genannten Preisentwicklung auf.
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Hohe Ernte – unterdurchschnittliche Preise |
Knapp durchschnittliche Ernte - Durchschnittspreise |
| Rekordernte auf Weltebene: 1.945 Mio. t, verursacht durch höchste Anbaufläche seit 1996/97 und durch bisherigen Rekordertrag von geschätzten 3,59 t/ha | Knappe Anfangsbestände, die um 35 Mio. t unter dem 7 jährigen Durchschnitt liegen und erst wieder aufgefüllt werden müssten. |
| In den klassischen Exportländern Nordamerikas, Schwarzmeergebiet und EU-28 werden überdurchschnittlich hohe Ernten erwartet. Entsprechend hoch fällt das preisbeeinflussende Ausfuhrpotenzial aus. | Verspäteter und verzögerter Saisonstart für den überwiegenden Getreideteil mit der Folge geringerer Vegetationszeit und der Gefahr von Frühfrösten mit Ertrags- und Ernteausfällen |
| Verhaltene Nachfragesteigerung: es fehlt die boomende Verbrauchssteigerung der letzten Jahre durch die Maisverwendung zur Herstellung von Bioethanol. | Schon feststehende erhebliche Ernte-minderungen beim Weizen in den USA mit -10 Mio. t gegenüber Durchschnitt mit der Folge reduzierter Exporte . . . und in China mit - 20 Mio. t mit der Folge stark steigender Importe |
| Getreidehandel: traditionell starke Importländer in Nordafrika (Ausnahme Tunesien) haben eigene gute Ernten gehabt; Ägypten fehlt die Kaufkraft, das bisherige Einfuhrvolumen von 10 Mio. t Weizen zu finanzieren. | Auf der Südhalbkugel deutet sich für den SW Australiens trockenheitsbedingt eine schwache Ernte an und für Argentinien ist ein Rückgang der Weizenaussaat aus zollrechtlichen Gründen schon jetzt festzustellen. |
| Am Ende des Jahres soll ein Bestandsaufbau in einer Höhe von knapp 30 Mio. t erfolgen, im Regelfall ein Signal für fallende Preise. | Für Teile Russlands (Wolga- u. Sibiriendistrikt) und SO der Ukraine werden trockenheitsbedingte Ernteausfälle in noch unsicherer Höhe geschätzt. |
| Die Getreideernten Frankreichs und Groß-britanniens bleiben höchstens durchschnittlich bis unterdurchschnittlich | |
| Mit steigenden Mineralölkursen erfährt die Nach-frage der Bioenergiewirtschaft wieder Auftrieb. | |
| Die Endbestände in den Exportländern und damit ein ggfs. zur Verfügung stehendes zusätzliches Exportpotenzial vergrößert sich um 30 Mio. t. | Trotz steigender Endbestände errechnet sich ein unterdurchschnittlicher Versorgungsmaßstab 2013/14 stock to use ratio von 18,49 % (Vorjahr 17,95 korrigiert) |
Vorstehende Angaben stammen aus aktuell verfügbaren Informationen. Da der größte Teil der Ernte (vor allem Mais!) sich noch in der entscheidenden Ertragsbildungsphase befindet, ist noch eine Reihe von Korrekturen nicht auszuschließen, die in beide Richtungen gehen können. Speziell die Wetterentwicklungen in den nächsten 4 Wochen werden entscheidend sein. Dabei sollte man die Verzögerungen dieses Jahres nicht aus den Augen verlieren.
Fazit: Die entscheidende Preisfindungsphase setzt in diesem Jahr verspätet ein. Der maßgebliche Ausgang der US-Maisernte (die Hälfte des Zuwachses der Welternte) wird sich bis Ende August (Bestäubungs- und Kornfüllungsphase) hinziehen. Selbst danach ist die Gefahr von Frühfrösten im September noch nicht überstanden. Die Versorgungskennzahl stock to use ratio in Höhe von 18,49 % deutet schon jetzt auf eine unterdurchschnittliche Versorgung hin. Einschränkend ist jedoch in diesem Jahr zu berücksichtigen, dass voraussichtlich hohe Überhangbestände in den Exportländern für den evtl. Bedarfsfall zur Verfügung stehen; das hält den Preisspielraum nach oben in Schach.
Der Weizenmarkt 2013/14 bleibt jedoch eher knapp versorgt. (China ein neuer Importplayer!)