Weizenkurse auf der Suche nach Positionierung
Nach einem deutlichen Preisrücksetzer im Mai-15 gegenüber den Durchschnittskursen der ersten 4 Monate des Jahres 2015 sind die Weizennotierungen an den führenden Börsen ständig rauf und runter gegangen. An der Pariser Börse pendeln die Kurse um den Wert von 180 € je t, während in Chicago eine Orientierungsmarke bei 165 €/t bei größeren Schwankungsbreiten zu orten ist.
Das Auf und Ab der Kurse wird von mehreren Seiten beeinflusst. Zunächst sind die hohen Überhangbestände in Verbindung mit einer überdurchschnittlichen Ernteerwartung zu nennen. Diese Einschätzung dominiert zwar immer noch, hat aber Risse bekommen. Die hohen Niederschläge in Teilen der US-Anbaugebiete sowie Spätfrostschäden mindern die Ertragserwartungen. In Kanada haben Spätfröste ebenfalls Schaden in noch unbekannter Höhe verursacht. Darüberhinaus erwartet man einen trockenen kanadischen Sommer.
Das El Nino-Wetterphänomen hängt wie ein Damokles-Schwert über dem Getreidejahr 2015/16. Indiens Weizenernte ist bereits betroffen. Das Land muss Qualitätsweizen einführen. Im Osten Australiens geht man weiterhin von massiven Beeinträchtigungen durch Trockenheit aus. In Argentinien und Südostbrasilien muss man erfahrungsgemäß mit zu hohen Niederschlägen im Herbst/Winter 2015 rechnen.
In China macht sich El Nino im getreidereichen Norden mit Trockenperioden bemerkbar, während der vom Reisanbau dominierte Süden mit Überschwemmungen rechnen muss. Allerdings ist die Intensität dieser Wetterphänomene nicht kalkulierbar.
Unsicherheit schwebt auch noch über die Ernten im Schwarzmeergebiet. Russische Ernteschätzungen schwanken zwischen 90 und 100 Mio. t. Eine längere Trockenphase ist für weite Teile des Anbaugebiets in den nächsten Wochen vorhergesagt. Die Ukraine hat weniger mit Witterungsproblemen als mit finanziellen Problemen ausreichenden Einsatzes ertragssteigernder Betriebsmittel zu kämpfen.
In weiten Teilen Zentraleuropas macht sich ein Niederschlagsdefizit bemerkbar. Auch in den östlichen Regionen Spaniens ist zu wenig Regen gefallen. Dagegen hat Frankreich bisher eine günstige Phase des Getreidewachstums durchlaufen.
Verunsicherungen verursachen schwankende Wechselkurse insbesondere im Verhältnis Dollar zu Euro. Eine schwer zu kalkulierende Rolle spielt dabei das Griechenlandproblem.
Letztlich sind auch noch handelspolitische Entscheidungen zu berücksichtigen. Hier spricht Russland mit seiner variabel gestalteten Exportsteuer noch ein gewichtiges Wort mit, sofern die Marktpreise deutliche Aufwärtstendenzen zeigen sollten.
Für die nächsten 3 Monate haben die „Wettermärkte“ das Sagen. Eine deutlichere Positionierung kristallisiert sich erst dann heraus, wenn mehr Sicherheit über die Versorgungslage herrscht. Das wird in diesem Jahr 2015/16 aufgrund des El Nino-Wetters erst sehr spät der Fall sein, wenn die Anschlussernten auf der Südhalbkugel einigermaßen überschaubar sind.
ZMP Live Expertenmeinung
Das Getreidewirtschaftsjahr 2015/16 wird geprägt durch eine gut durchschnittliche Versorgungserwartung aufgrund hoher Überlagerungsbestände und überdurchschnittlicher Ernteerwartungen. In der Anfangsphase könnte diese Kombination zu Preisdruck in der Ernte führen. Dennoch bleiben die Schätzergebnisse hinter der vorjährigen Rekordernte zurück. Weitere Einbußen der bisher hoch geschätzten Ernten werden in bestimmten Anbauregionen erkennbar. Über allem schwebt noch das Risiko des El Nino-Wetterphänomens, dessen Intensität nicht voraussehbar ist. Unsicherheiten über die tatsächliche Versorgungslage bleiben, bis die Anschlussernten auf der Südhalbkugel überschaubar werden. Schwankende Wechselkurse und handelspolitische Entscheidungen sind weitere Störfaktoren im Ablauf des Getreidewirtschaftsjahres 2015/16.